In Denzlingen - Ohne Kulturschock

Nach einigen Jahren war ich mal wieder in Denzlingen, meinem Heimatort. Und mein Sohn zum ersten Mal. Ich hatte einige Sorge wegen diesem Besuch. Würde Linus es ertragen, dass nicht jede auf der Straße ein Photo von ihm machen will und ihn auf den Arm nehmen will? Würden mir die Straßen wüstenleer vorkommen? Würde ich überhaupt jemals wieder nach Kairo wollen, nachdem ich das "Paradies" erschaut hatte?

Es kam anders als befürchtet. Alles war ganz normal, so wie immer, so als wenn ich aus Berlin gekommen wäre. Die Menschen waren unglaublich freundlich zu Linus und auch sehr hilfsbereit auf der Reise. Meine Sinne waren natürlich geschärft für die Dinge, die mir in Kairo nicht begegnen. So war es eine Überraschung, als ich von einem fremden Menschen das erste Mal auf deutsch angesprochen wurde. "Woher weiß der, dass ich… ach so, wir sind ja in Deutschland."

Die nächste wiederentdeckte Freude war das Trinkwasser aus dem Hahn. Praktisch!

Das Wetter indes bot keine Überraschungen. Aber die Arten, sich abzukühlen, sind anders als in Kairo:

 

 

Auch die klassische Eisdiele gibt es so in Kairo nicht.

Eis-Spaß in Emmendingen:

 

 
Und in Denzlingen:

 


Die unverschämten Freiburger Radfahrer ernteten wehmütige Blicke. Mein Rad, ich habe dich in Berlin zurückgelassen, und ich vermisse dich so… aber glaub mir, in Kairo hättest du kein gutes Leben.

Der Regen, brav immer nur nachts, erfrischte die Welt. 

Der Wald! Linus zum ersten Mal im Wald! Und gleichzeitig auch am Bach. Märchenhaft!


 

Im Schwimmbad überall Frauen im knappen Bikini, und Männer blicken ihnen in die Augen und sprechen mit ihnen, ohne sie anfassen oder anbaggern zu müssen (meist zumindest)… da war ich ein bißchen stolz auf mein Land. (Wenn jemand eine andere Formulierung findet, die semantisch mehr Sinn macht, bitte im Kommentar posten. Stolz kann man eigentlich nur auf eine Eigenleistung sein.)

Wenn es irgendwo eine Absperrung gibt, dann findet Linus sie und krabbelt durch:

 


Ein anderer denkwürdiger Moment: Ach ja, ich erinnere mich, grüne Wiesen und menschenleere Straßen, saubere Luft und der Klang der Kirchenglocken beim Laufen draußen. Kirchenglocken an einem Sonntag, alle Geschäfte sind zu und fast niemand arbeitet. Wie schön es ist, wenn Ruhe- und Feiertag derselbe Tag sind. Als ich überlege, was ich denn mit nach Kairo nehmen könnte als Andenken, macht mir Denzlingen ein Angebot, das ich ablehnen konnte:


Dass alles im Wandel ist und immer neu, zeigte uns eine Amsel-Mama, indem sie vor unseren Augen im Balkonkasten ihre Jungen ausbrütete:

 


 

Fünf Tage später waren sie schon von schwarzem Flaum umgeben. Im Vergleich dazu, meine lieben anders-sprüchigen Mütter und Väter, werden Menschenkinder verdammt langsam groß.

Am Ende der Zeit vermissten wir beide den Papa ganz doll, so dass uns der Abschied nicht schwer fiel. Jeder Gast, der uns verlässt, ist froh, nicht in Kairo wohnen zu müssen. Was ist Heimat? Wo deine Wiege stand? Wessen Familie schon seit Generationen über Deutschland verstreut ist, der fällt es nicht schwer zu sagen: wo mein geliebter Mann ist und mein geliebtes Kind, meine Arbeit, wo niemand (mehr) fragt, warum ich gekommen bin und wie lange ich bleiben werde. Die wahre Heimat kann man nicht verlassen, sie ist in der Gegenwart zu finden.

Daheim ist Linus so müde, dass er zum zweiten Mal in seinem Leben beim Essen einschläft (Stillen zählt in dem Fall nicht):

 

 

…letztendlich tun wir hier sowohl wie dort: abhängen.

 

Gebet vom Scheiden

Moses Mutter, als der Weidenkorb davon schwimmt (Ex 2, 1-4)


Ade nun zur guten Nacht! Jetzt wird der Schluß gemacht, daß ich muß scheiden.

Die bittere Erkenntnis, jetzt zurückgelassen zu sein.

Das Wissen, dass es jemanden gibt, die mich halten kann
Zeit schenken kann
Lächeln und Wärme
Die nicht da ist

Das Wissen, dass es jemanden gibt, der gehalten werden möchte
Der Zeit braucht
Mein Lächeln und meine Wärme
Der nicht da ist

Aus dem Himmel heruntergestiegen
Die Nabelschnur durchtrennt
Zur Adoption frei gegeben
Sich scheiden lassen
Einen Schlussstrich gezogen

Zur Freiheit geboren, Freiheit in Liebe
Wohin mit der Sehnsucht?
Wohin mit den Bildern, die nicht entstehen dürfen?

Große, starke Göttin
Manchmal kann ich das nicht. Manchmal will ich das nicht. Manchmal verstehe ich nicht, wie du es zulassen kannst, dass wir in Trennung leben. Waren wir nicht mal eins in dir?

Psychoanalytisch gesehen: Regressive Sehnsucht. Süchtig nach Kindheit, Sich-Fallen-Lassen. Stehengeblieben. Freud macht mich klein.

Groß und stark machen
Das Geben, dem Menschenkind, es kann jedes sein
Weil ich jetzt ja weiß, wozu das Geben gut ist.
Das Trotzdem
Das Annehmen
Die Solidarität und geteiltes Leid
Unter deinem Segen
Weitergehen.
Dein Sohn ist schon vorangegangen und reicht mir seine Hand.

Meine Liebe
Immer, immer wird mein Herz
Sehnsüchtig, bange
Fragen,
Sich erinnern,
wie es war,
als wir zusammen waren.  


Neueste Eindrücke

Ihr Lieben, nun wieder ein Eintrag mit weniger Philosophie und mehr Bildern. Friedrich und Christa waren zu Besuch und bildeten den Abschluss einer langen Reihe von Besuchen, die nun durch die Hitze abreißen werden. *Träne verdrück* Wir waren viel unterwegs mit dem Mini, und haben z.B. den Eingang des Manialpalastes (hier im Hintergrund) von außen besichtigt.

 



Der Palast wird nämlich gerade umgebaut und ist für Lieschen Normalverbraucherin gesperrt. ("Wann öffnen Sie denn wieder?" - "In ein paar Monaten, so Gott will.") Das hindert natürlich z.B. den DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) nicht, zu seinem 50-jährigen Jubiläum meinen Mann dorthin zu einem Festbankett einzuladen. Tja - entweder man hat es, oder man hat es nicht, nicht wahr.

Wir haben auch das Umm-Kulthum-Museum besucht. Umm Kulthum ist die berühmteste Sängerin des Landes und wohnte einige Schritte von unserem Haus entfernt. Hier ihre Skulptur und Christa und Linus auf dem Rasen davor.

 


 

 

 

Immer wieder beliebt: Linus’ Späße am Esstisch.

Wo bin ich?

 



 

Da!!!

 




 

Lieblingsessen Melone:

 

 
…und nicht, dass ihr denkt, die wäre zu schwer zum selber halten:

 

 

Als Belohnung darf er dann den Löffel ablutschen:

 


 

 

Letztes Wochenende waren wir auf dem Sinai am Roten Meer, in der Nähe von Ras Sudr. Vom Meer gibt es kein Bild, nur eins wo Linus chillig an mich gelehnt einen Apfel isst:

 

 

 

 

Nach wie vor haben wir auch unseren Spaß im Club, wo gerade die jährliche (?) Sandreinigung vorgenommen wird. So lange halten wir uns auf den Gerüsten auf:

 

 

 

Neues Spielzeug gibt es auch. Wie viel Faszination von einer grauen Box ausgehen kann:

 

 

 

 

Oder auch von einem Fahrrad:

 



Mit Rosie macht es auch immer wieder Spaß. Sie bringt Linus philippinische Kinderlieder bei, z.B. darüber, wie es ist, den Finger in den Essig zu tunken. Das macht er dann oft nach. Noch häufiger aber brüllt er wie ein Löwe. Der war in einer Kinderbibel anzutreffen, als er sich mit seinen Kollegen um Daniel geschart hat, und was Stephan und ich Linus von seiner Ausdrucksweise erzählt haben, hat ihn wohl sehr überzeugt. Roaaaaar!

 

 

Nicht zu vergessen: letzten Freitag wurde der Geburtstag nachgefeiert. Der allererste! Die Klassiker waren dabei:

Mit Luftballons spielen

 


 

Die erste Geburtstagskerze auspusten 

 


 

Den ersten Geburtstagskuchen mampfen

 

 

Mit Geschenken spielen

 


 

Auch die Kollegen machen mit bei der Band

 


 

Jeah - wir sind ein gutes Team!

 

 

 

Linus hat auch eine ägyptische Freundin!

 

 

Jaja, in die Band dürfen die Mädels nicht, aber fürs Flirten sind sie gut genug… tststs…

 



… an so einem Tag darf auch mal gestrahlt werden! Oder besser gesagt, da täglich gestrahlt wird: an so einem Tag wird so ein Strahlen endlich mal eingefangen!

 


 

 

Joggen in Kairo

Crosstrainer ist ja dreimal die Woche, wie es sich für eine Gewohnheitssportlerin gehört, einfach nur stinklangweilig. Erst recht wenn der musikbegeisterte Mitbewohner, der einem die neuesten Tunes quasi auf den MP3-Player geladen hat, seit geraumer Zeit in einem anderen Land wohnt. Und in den Sportclub… wie lange habt ihr mal einen Sport drei Mal die Woche durchgehalten, zu dem man eine halbe Stunde Anreisezeit hat? Also dachte ich mir: durch Kairos Straßen joggen ist zwar hier allgemein als "nicht mehr ganz sauberes" Verhalten verpönt, aber es macht doch Spaß, ein bißchen verrückt zu sein.

Ich fing also damit an. Es war phantastisch. Die Straßen voller Hindernisse waren Straßen voller immer neuer Wendungen und Blickwinkel. Die gelangweilt glotzenden Soldaten konnten gar nicht schnell genug gucken, und ich konnte mir aussuchen, ob ich schnell hinter ihrem Rücken vorbeiflitze oder sie durch frontales Auf-sie-zu-rennen verängstige. Muss man dafür geltungsbedürftig sein, oder sich noch an das Trotzden der Pubertät erinnern können? Ja klar! Aber darum geht es jetzt nicht. Die uniformierten, blutjungen Männer und ich hätten gerne die Aura getauscht: wie gerne hätten sie auffällig, sexy, anziehend und exotisch auf mich gewirkt, und wie gerne wäre ich unsichtbar für sie gewesen. Denn revolutionieren tut so eine Runde durch Zamalek nichts, es verfestigen sich nur die Vorurteile beiderseits. Vielleicht, mit etwas Glück, bedeutete die Runde etwas mehr Freiheit für mich, und für alle Frauen, die mich gesehen haben.

Aber weiter zum Erlebnis. Es ist wirklich sehr aufregend auf den Straßen Kairos. Wenn man einmal die zugestellten und aufgerissenen Straßen als Hindernisparcours angenommen hat, sieht man nur noch Herausforderungen, keine ärgerlichen Störungen mehr. Frühmorgens sind Fischer auf dem Nil unterwegs. Keine Handwerker, Geschäftemacher. Einfach arme Leute, die am verdreckten Nilufer wohnen und sich von Fischen ernähren, die zwischen Müll umherschwimmen. Regelmäßig kreuzen Marder meinen Weg. (Ich war gewillt, sie begeistert als Baby-Eichhörnchen zu bestaunene. Aber so rosa meine Brille dann doch nicht.)

Zamalek-spezifisch folgende Erscheinung: ein Hausangestellter mit einer Bulldogge mit Maulkorb. Ich sah ihn rechtzeitig, um die Straße zu wechseln. Ich hatte gedacht, die Ägypterinnen machen sich nichts aus Hunden. Aber wie Stephan immer sagt, „die Ägypterin“ gibt es nicht.

Mitten durch einen Pulk aus Schulmädchen mit Uniform: „What’s your name?“ Ob ich mit meinem Anblick den Kairoanern die „gute alte Zeit“ versaue, in denen dieses Viertel noch den Ägypterinnen gehörte? Die keinen Sport machen, und wenn, dann mit Kopftuch und ausschließlich im Sportclub an Frauentagen?

Ja, dieser neue Sport hat mich euphorisiert. Bis ich zwei Wochen später nach meinem Morgenlauf am Küchentisch saß und mich fühlte, als hätte ich drei Zigaretten hintereinander geraucht. Seitdem laufe ich nicht mehr durch Kairos Straßen. Es war ein kurzer Flirt, der mir einen Zugang zu einer Welt gewährt hat, in der ich bestimmt habe, wo es langgeht, und in dem ich mit den Hindernissen Kairos spielen konnte, statt sie immer nur als Belastung zu empfinden. Warum sind die Straßen selbst in den edelsten Vierteln so zerrissen? Die wichtigsten Verbindungswege zwischen den Menschen? Der „Campus“, ein Hochglanz-Hochschul-Magazin, vermutet, die Zerrissenheit der Gesellschaft hat sich in ihnen einen Spiegel geschaffen. Und keine aufkeimende Kühnheit einer Ausländerin kann sie kitten.
 

Urlaub am roten Meer

 

Die Familie war über Ostern am roten Meer Urlaub machen. Wahnsinnig schön, so eine Zeit lang nur wir drei! Linus hat es sehr genossen und war zum ersten Mal im Pool schwimmen. Mama war zum ersten Mal mit Schnorchelbrille Korallen und Fischschwärme bestaunen. Und ein paar Mal geschriien habe ich auch, ich finde die Berührung von Quallen und auch anderen Fisch- oder Planzenwesen im Wasser extrem beängstigend! Dank Helia (Versand westlicher Waren) konnten wir auch Ostereier vertilgen.

 

 

Zu Beginn war ich geblendet von der vielen nackten Haut: Minirock und Spaghettiträger im besten Fall. In Kairo trage ich sowas nicht, nicht weil es verboten ist, sondern weil sich zuviele Männer, denen dieser Anblick von der Durchschnittsägypterin zeitlebens verwehrt wird, auf der Straße langweilen. Es muss einer der Tageshöhepunkte sein, wenn eine blonde Frau mit haarlosem Säugling vorbeispaziert. Und wenn man aufgrund der Hinterherpfeiferei dann auch noch böse von ihr angezischt wird, hat man den Kumpels etwas von einem heißen Flirt zu erzählen! - Und was man selbst sich zu tun verbietet, fällt einem bei anderen umso mehr auf.

Von „Urlaub in Marsa Alam“ kann aber eigentlich nicht die Rede sein. Denn wir haben das Fischerdörfchen mit seinen wenigen tausend Einwohnern nicht besucht. Wir sind auf dem Hotelgelände geblieben, was sehr grozügig gestaltet war, mit Hotelanlagen wie ein kleines, ordentliches Mittelmeerdörfchen; mehreren hübsch angelegten Pools, mit Wasserfall, Brücken, Palmen und viel Schatten. Wir haben die Mittagssonne gemieden und Linus hatte viel Zeit zum Experimentieren mit dem Essen, zum Schlafen und zum Spielen. Das Beste war das Meer – blau, riesig, rauschend und sehr beruhigend. Das Meer verweist mich auf eine erlösende Weise auf die Vergänglichkeit meiner selbst und die im Vergleich dazu unendlich gültig wirkenden Naturgewalten. Erlösend, solange ich nicht darin rumtauchen muss!!!
 
 

 

Mein schlechtes Gewissen ob unserer im Vergleich zur Durchschnittsägypterin luxuriösen Lebensweise sowie unseres abgeschnittenen Hotellebens bekämpfte ich mit Interviews von ägyptischen Angestellten zum „wahren Leben“. Wie es sich so lebt und arbeitet im Hotel. Die Angestellten kommen von überall her, z.B. aus dem Nildelta, aus Oberägypten und aus Kairo. Sie arbeiten einen Monat lang im Hotel und wohnen in den Anlagen (vermuuuutlich weniger schick als die Gästezimmer), danach fahren oder fliegen sie eine Woche lang zur Familie. Ob Single oder nicht. Familie kann bedeuten: Frau und Kinder, oder: Mama und Papa.

Ich befragte also drei Männer, wie sie mit den zwei Welten umgehen, in denen sie leben. Die Antworten drückten Extreme aus. Es ging von „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil mir der Koran den Anblick dieser Frauen eigentlich verbietet“ bis hin zu „Man gewöhnt sich dran, kein Problem!“. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, irgendwo dazwischen. Ich trug Bikini beim Schwimmen und sonst relativ viel Stoff. Ich glaube das war mein erster Urlaub im Süden ohne Sonnenbrand.
 

 

Zu erwähnen wären noch die humorvollen Handtuchfiguren, die uns allnachmittaglich vom Bett entgegenstrahlten. Zum Beispiel hatte Linus auf einmal einen Kumpel, der mit Fernbedienung in der Hand auf den laufenden Fernseher starrte. Die Figuren rissen uns alle drei zu Begeisterungsstürmen hin. Die mehrfach erwähnte Durchschnittsägypterin hat einfach unglaublich viel Sinn für Humor. Das schreibe ich einfach so, zusammenhangslos, denn man kann natürlich davon ausgehen, dass die Figuren nicht aufgrund der spontanen Liebe zur Arbeit und zur Reisenden von der Reinigungskraft geschaffen wurde, sondern dass da ein System dahinter steckt. Andererseits – per se ausschließen kann man es auch nicht.

 


 
 
 
 
 
Der Turban auf dem Kopf des Elefanten ist eines meiner
Halstücher. Und wer bezahlt jetzt den Bügeldienst?! 
 
 
Wie lange muss man wohl dort bleiben, bis die Figuren sich wiederholen? Wieder eine Frage, deren Antwort wir in diesem Leben wohl nicht bekommen werden.

 

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